Engels Zweigstelle des staatlichen Archiv Saratower Gebiet
Fonde
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Der erste Versuch, einen Überblick über die Archivbestände betreffs Wolgadeutschen zu geben, wurde auf einer Konferenz in dem Institut für Deutsche und Osteuropäische Forschungen in der Stadt Göttingen im November 1995 gemacht.

Momentan gibt es im Archiv: 1045 Bestände, darunter 1037 Bestände von administrativer Dokumentation und 8 Bestände persönlicher Herkunft (746 Bestände, die aus den Jahren nach 1917 stammen, hauptsächlich Materialien der höchsten Machtorgane der Deutschrepublik, der Dorf- und Wolostsowjets der Region, der Anstalten, Betriebe und Organisationen, und 299 Bestände aus der Periode vor der Oktoberrevolution, hauptsächlich Materialien der Dorfversammlungen, Wolostverwaltungen, Banken, Kirchen, Gerichte, industriellen Organisationen. Insgesamt 211 954 Fälle, nebst dem Bestand der Fotographien 213 714 Fälle. funds

Veröffentlichte Verzeichnisse der Bestände:

P-847 Volkskomissariat für Volksbildung der ASSR WD, 1923-1941. In das Verzeichnis sind 738 Fälle mit Nummern von 1 bis 737 eingetragen. Information über dieses Verzeichnis kann man auf der Web-Seite “Die Archive Rußlands” finden.

P-1831 Sammlung über Geschichte und Kultur, 1764-1941

Da die Dokumente, die ins Verzeichnis eingetragen wordn sind, sich sehr durch Vielfalt betreffs ihrer Thematik unterscheiden und aus einer erstreckten Periode—1764—1941 stammten, mußte man die Prinzipien der Aufgliederung des Verzeichnisses auf solche Art und Weise durchdenken, daß diese Aufglierderung den Wünschen der beide Archivare und Benutzer paßte. Die Verfasser versuchten die Materialien thematisch zu gruppieren, obwohl sie dessen bewußt waren, daß es ihnen nicht völlig gelingen würde. Trotzdem kann man darin die folgenden Abschnitte bedingt ersehen: allgemeine Fragen und Fragen, die das Leben und Alltag der Kolonisten betrafen; Dokumente über die Geschichte der Besiedlung; statistische Daten und allerlei Listen; die Geschichte der Kirchen und betreffs Konfessionsfragen; die Geschichte der Volksbildung; die Geschichte der Kultur, Volkskunst, Literatur; Heimatkundematerialien; Flugblätter, Zeitungen, Manuskripte; Werke von einzelnen Autoren und Angaben von denen.

Zwecks Bequemlichkeit der Arbeit mit dem Verzeichnis und Erweiterung des Kreises potentieller Forscher der Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen sowohl in Rußland, als auch in Deutschland und anderen Ländern ist das Verzeichnis in zwei Sprachen—russischer und deutscher—verfaßt worden.

Es ist mit Namenregister, geographischem Index, Sachenregister und Abkürzungenliste versehen.

Die Verfasser hoffen, daß das veröffentlichte Verzeichnis nicht nur einen weiteren Anstoß den künftigen Forschungen geben, sondern auch die Arbeit der Forscher wesentlich erleichtern wird.

Die Archivbestände

Leider sind nicht alle Materialien betreffs Wolgadeutschen völlig aufbewahrt worden, nicht alle kann man mit bestimmten Perioden in Zusammenhang bringen. Die unvollkommenen Unversehrtheit und Vorhandensein der Dokumente sind von einer ganzen Reihe objektiver und subjektiver Ursachen bedingt.

Nichtsdestoweniger ist das Engelser Archiv der Bewahrer der größten Gesamtheit von Materialien über das deutsche Problem.

Mehrheit der prärevolutionären Archivbestände sind die der Dorfversammlungen aus den Jahren 1799—1917: Ust-Karaman (Enders), Wolsk (Kukkus), Swonarjowka (Schwed), Podstepnoje (Rosenheim), Stariza (Reinwald), Lugowaja Grjasnucha (Schultz), Serpogorje (Sichelberg), Ussatowo (Eckheim), Konstantinowka (Schilling), Ehrenfeld (Krazkoje), Shulidowo (Schöndorf), Kasizkaja (Brabander), Grjasnowatka (Schuck), Shdanowka (Hoffenthal), Belopolje (Lilienfeld). Die daraus stammenden Dokumente spiegeln das ganze vielfältige Leben der Dorfbewohner. Vor allem sind es Beschlüsse der Dorfversammlungen, Register verschiedener Gebühren, Register von verschiedenen Kapitalien, Einnahmen und Ausgaben. Es gibt auch Listen von Kolonisten, wegen allerlei Anlässe verfaßt; persönliche Konten; Listen von Hausbesitzern mit Angaben ihres Vermögens; Nachlaßfälle der Verstorbenen; Fälle der Weisen und Fälle über Vermögenverteilingen zwischen Familienmitgliedern; Liste der Personen, die in das Semipalatinsker Gebiet auf neue Ackerlände übersiedeln wollten. Dokumente von der Tätigkeit der Handelshäuser und industriellen Betriebe. Angaben über Bevölkerung, Aussaaten, Ernten, Viehzucht, örtliche Volkszählungen. Daten über die ökonomische Lage der Bevölkerung, über den Übergabe des Landes zum Privateigentum laut dem Gesetz vom 9.November 1906, Ausgabe von Anleihen zum Besäen der Sommerfluren, Listen zur Ausgabe von Lebensmitteln an Notleidende, Daten über die Zahl der Bevölkerung der ländlichen Gemeinden und der Zahl derselben Gemeinden, über die Mittel gegen Viehkrankheiten. Daten über die Zahl der Schulen, der Lehrer, der lernenden Jugend. Arbeitsverträge mit Gutsknechten, Hirten, Renteeintragungsbücher usw.

Im Archiv verwahrt man auch Bestände von Wolostgerichten, wo sich die Urteile der Wolost- und Schiedsgerichte, Zivil- und Kriminalfälle befinden.

Die Bestände der Wolostverwaltungen Katharinenstadt (1763—1917), Krasnojar (1805—1916), Sosnovka (Schilling) (1799—1914), Tarlik (Laub) (1797—1916), Tonkoschurowka (Mariental) (1875—1915), Torgun (1873—1870—1913) und andere; die der Dorfversammlungen und deren Verwaltungen—Aleksandrowka (Gockenberg, Boon) (1847—1917), Berjosowka (Ernestinendorf) (1850—1917), Bordowoje (Boaro) (1836—1916), Bujerak (Boregardt) (1809—1917), Wassiljewka (Basel, Gratz) (1847—1917), Wolsk (Kukkus) (1835—1916), Gololobowka (Dönhof) (1847—1885), Goly Karamysch (Balzer) (1846—1916), Swonarjowka (Schwed) (1831—1916), Kasizkaja (Brabander) (1806—1917), Kriwowka (Obermonjou) (1836—1919), Pawlowka (Paulskoje) (1812—1916), Podstepnoje (Rosenheim) (1802—1916), Filippowka (Philippsfeld) (1798—1918) und andere erschlißen die lebenswichtigsten Seiten des Alltags und Tätigkeit der Kolonisten.

Es gibt hier auch Dokumente über die Migrationen der Bevölkerung von Kolonie zu Kolonie, nach der Krim, Kasachstan (Gebiete Semipalatinsk und Akmolinsk), nach Amerika am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts vor dem ersten Weltkrieg, nach Sibirien. Z.B., die Liste der Ansiedler des Dorfes Podstepnoje (Rosenheim), die nach Amerika Ende 1911, Anfang 1912 auswanderten, oder solche Listen der Bewohner, die nach Amerika ausreisen wünschten, von Dorfsammlungen der Siedlungen Krasnojar, Ust-Karaman, Fresental, Enders bestätigt.

Die Bestände der Dorfversammlungen und Wolostverwaltungen sind unersetzbare Quellen für genealogische Erforschungen und Zusammensetzungen von Ahnentafeln. Sie enthalten Listen, die wertvollste deren sind die örtlichen Volkszählungen aus den Jahren 1834, 1850 und 1857. Also enthält der Bestand der Balzerer Wolostverwaltung die Volkszählung des Balzer selbst aus 1950 und der Dörfer, die der Wolost gehörten—Grimm (Lesnoj Karamysch), Karamyschewka und Ust-Solicha. Die Familienlisten aus Balzer (Krasnoarmejsk), Gololobowka (Dönhof), Katharinenstadt, Krasnyj Jar, Krutojarowka (Graf), Norka, Priwalnoje (Warenburg) u.a.

Im Archiv sind die Bestände aus 45 evangelisch-lutherischen und 21 römisch-katholischen Kirchen. (Laut ausländischen Quellen waren ca. 75 % Ansiedler Lutheraner.) Obwohl, wie es oben erwähnt wurde, die Dokumente unvollständig sind, zeigte die vorgenommene Analyse, das Archiv verwahre 419 Bücher über Geburten, Taufen und Tode der Bewohner. Sie sind meistenteils seit 1800 aufbewahrt worden. Sie werden gut durch Personalbücher ergänzt, die nicht weniger bedeutend als metrische Bücher sind und von Archivangestellten verwendet werden, wenn man genealogische Anfragen beantwortet.

Kirchendokumente enthalten Angaben über Geschichte der Ansiedlungen, Bildung von Kirchspiele, Aufbau und Reparatur der Kirche, Tätigkeit der Schulen und Bibliotheken bei denen. Besonderes Interesse erregen Annalen, wo man die Daten des Aufbaus von hölzernen und später steinernen Kirchen, den Stil der Gebäude, die Mittel, mit denen man den Aufbau durchführte, Listen der Spender, obligatorische Daten über die Priester angab. Einige Chronisten berichteten über das Leben der Siedler und Naturkatastrophen—Orkane, Überschwemmungen, Dürren u.a.

Die vollständigsten Dokumente der evangelisch-lutherischen Kirchen sind die der Dörfer Goly Karamysch (Balzer) (1804—1918), Gololobowka (Dönhof) (1815—1905), Katharinenstadt alias Marxstadt (1763—1916), Norka (1833—1915), Priwalnoje (Warenburg) (1794—1916) (seinem Kirchspiel gehörten auch Tarlik and Skatowka), Sewostjanowka (Anton) (1764—1892), Ust-Solicha (Messer) (1791—1912). Ein Teil der Bücher mit Eintragungen über Geburten, Taufen und Tode befindet sich aber in dem Saratower Gebietsarchiv, weil man sie dorthin aus dem Standesamtgebietsarchiv übergab, denn ihre Aufbewahrungsfrist von 75 Jahren bereits abgelaufen war, wovon er schon gesagt wurde, ungeachtet des Gesetzes über Nichtteilung der Archivbestände. Nun steht einem die Rückgabe dieser Bücher dem Engelser Archiv bevor, was für die Archivare und—am wichtigsten— für Bürger bequem sein wird, wenn diejenigen genealogische Anfragen an das Archiv richten.

Die Bestände, die aus dem Zeitabschnitt vor dem Jahr 1917 stammen, erzählen uns über die Entwicklung der Industrie, Herstellung des berümten Stoffes “Sarpinka” (es ist ein Album mit Stoffproben aufbewahrt), Entwicklung der Mühlenindustrie. Es gibt Daten über die Handelshäuser “Bender & Söhne” (Balzer) und “Brüder Schmidt” (Ust-Solicha), Katharinenstadter Fabrik von landwirtschaftlichen Maschinen und Mechanismen ( Betrieb “Wiedergeburt”), (in den Dokumenten der letzleren finden wir Zeichnungen von dem Schwungrad einer Lokomobile, gußeisernen Geschossen für Bombenwerfer (1901). Es gibt Dokumente der Tischlerfabrik “I.D. Trippel & Co.”, der Fabrik der Kutschen und Worfelmaschinen des A.A.Brungardt (Dorf Mariental), einer Reihe der Mühlen der Kolonisten Altach, Wormsbecher, Sabelfeld… Es ist verständlich, daß die Archivmaterialien nicht nur verwahrt werden, sondern auch Verwendung finden. Die Archivare haben die thematischen Anfragen über die Familie Bender für deren Erben aus Moskau, für die Verwandten einer im Wolgagebiet berühmten Familie Reinicke u.a. beantwortet.

Am vollständigsten sind die Dokumente der nach dem Jahr 1917 gebildeten Anstalten und Organisationen vertreten.

Die Sowjetperiode wird mit den Akten des Wolgakomissariates für Deutsche Angelegenheiten erschlossen; man verwahrt Regierungstelegramme über die Bildung des Komissariates, Dokumente des I. und II. Kongresses der deutschen Kolonien, Materialien von Bildung der Ujesde, Protokolle der Kolonistengemeinversamlungen, Briefwecksel mit Landsowjets anläßlich Flurbereinigung. Es befindet sich auch der Bestand des Gebietsvollzugskomitees, seiner Abteilungen und Verwaltungen, wo man die Entstehung der Deutschrepublik aus dem Schoß der Arbeiterkommune der Wolgadeutschen verfolgen kann. Alle Seiten des Lebens des neugeschaffenen Gebildes während seines Kampfes um Dasein, gegen Hungersnot in den ersten Jahren der Sowjetmacht, um Überwindung der Krise, um Wiederherstellung der Wirtschaft sind hier beleuchtet. Ebensoviel sind Dokumente aller Zentralorgane der ASSR WD vertreten: Zentralvollzugskomitee, Oberster Sowjet, Sowjet der Volkskomissare, Vollskomissariate, Verwaltungen, Vereinigungen usw. Materialien über die Sowjetperiode, die Bildung der der Arbeiterkommune (des Gebietes) der Wolgadeutschen 1918, ihrer Umbildung in ein Gebiet im Jahre 1922, wann ihr Pokrowsk und Pokrowsker Ujesd einverleibt waren, die Umbildung des Gebietes in die ASSR WD im Januar 1924 sind in den Beständen des Wolgakomissariats für Deutsche Angelegenheiten, Gebietsvollzugskomitees des Wolgadeutschengebiets und seiner Abteilungen, Zentralvollzugskomitees, des Obersten Sowjets, Volkskomissariate, Verwaltungen, Vereinigungen, Komissionen usw. Anhand deren ist eine Reihe Werke geschrieben worden. Das wichtigste davon ist die Monographie des A. Hermann “Die Deutsche Autonomie an der Wolga”, in 2 Teilen.

Dokumente der Machtorgane enthalten Angaben über den Staatsaufbau der Republik, Änderungen in ihrer administrativ-territorialen Teilung, Kulturbeziehungen mit dem Ausland, erschließen die Prozesse der Entkulakisierung (Enteignung) und Ausweislung der vermögenden Bevölkerung über die Grenzen der Deutschrepublik oder in die eigens geschaffenen “Großbauernansiedlungen” in ihrem Territorium. Akte der Entkulakisierungskomissionen sind aufbewahrt. Auch andere Seiten der regionalen Geschichte werden auch erschlossen. Die Aufmerksamkeit der Forscher wird auf die statistischen Daten des Bestandes “Verwaltung der wirtschaftlichen Erfassung der ASSR WD”, wo man Angaben über die Bevölkerung und ihrer nationalen Zusammensetzung, industrielle und landwirtschaftliche Betriebe, Saatflächen, Ernten, Verderben des Getreides infolge Dürre, Abschaffung von privatem Landbesitz und Landbenutzung, Bildung von Kolchosen und Sowchosen.

Geschichte der Kultur und Volksbildung ist in dem Bestand des Volkskomissariates der ASSR WD vertreten. Das Verzeichnis wurde im Rahmen desselben Gemeinschaftsprojekts mit dem Göttingener Institut im Jahre 1977 veröffentlicht. Es war die Bildung eines Netzes von Schulen und Kinderheimer, die in den 1920sten so notwendig waren, einer Internatschule für taube Kinder in Orlowskoje, der ersten pädagogischen Hochschule in Seelmann auf der Basis der Seelmanner Lehrerseminars, über die Versetzung dieser Hochschule nach Marxstadt, Eröffnung neuer pädagogischer Hochschulen in Seelmann und Krasny Kut.

Die Entwicklung der Industrie und vergesellschafteten Landwirtschaft benötigte sachkundige Kader des mittleren Niveaus, und deshalb schuf man das Balzerer Textiltechnikum, das Krasny-Kuter agronomische Tecnikum und das Marxstadter mechanischer Technikum. Zur Ausbildung der Kader des oberen Niveaus wurden das Deutsche Pädagogische Instutut 1929 und das Deutsche Agronomische Instutut 1930 eröffnet.

Es wurde der musikalischen Ausbildung besondere Aufmerksamkeit seit den ersten Jahren geschenkt. Man eröffnete eine Musikschule in Marxsteadt, der ersten Hauptstadt der deutschen Autonomie, sowie eine musikalische Lehranstalt 1937 in Engels. Ein Netz von Museen wurde geschaffen. Das Marxstadter Museum wurde 1919, das Zentralmuseum der ASSR WD 1925 gebildet.

Die Zahl der Kulturanstalten wuchs von Jahr zu Jahr: das Deutsche Staatstheater wurde 1931, das Deutsche Staatsphilharmonie 1931 gegründet, Es entstanden Puppentheater, Operettentheater, Kolchos- und Sowchostheater in Balzer, Marxstadt und Krasny Kut.

Es sind mehrere Werke über die Kultur- und Volksbildungsgeschichte der Wolgadeutschen geschrieben, darunter die Arbeiten von Je. Jerina “Skizzen von Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen”, “Sitten und Bräuche der Wolgadeutschen”, “Sprichwörter und Redensarten der Wolgadeutschen”. Eine Reihe Aufsätze über Geschichte des Zentralmuseums der ASSR WD, Entwicklung der Volksbildung in der Deutschrepublik, biographische Skizzen über einzelne Kulturschaffende und Wissenschaftler (G.Dinges, A.Dulson, P.Rau) sind von ihr in Mitautorenschaft geschrieben.

Im Archiv hat man den vereinigten Bestand der Gelehrten G.Dinges und A.Dulson, der die Listen der ersten Kolonisten und interesante Materialien über Mundartforschung und Ethnographie der Wolgadeutschen enthält.